Die Kommerzialisierung des Gesichts

Aktuell gibt es ein Video, das es geschafft hat viral zu werden, an allen Ecken und Enden taucht es auf. Es wird darüber diskutiert, meist in die eine Richtung, den Bart zu rasieren. Fast Forward Hannover hat auch eine Kampagnenseite gemacht, den „organisierten Vaterlandsverrat“.

Vielleicht verbinden sich zwei Sachen der deutschen Seele: Fußball und Erhöhung in einer verschworenen Gruppe gegenüber einer scheinbar unbedeutenden Mehrheit. Im Clip nicken sich die eingeweihten Gesichtshaarträger verschwörerisch zu. Sie zählen, die Gruppe um sie herum nicht, sie haben die Mission, die es zu erfüllen gibt. Ein schnöder Schnauzer reicht da nicht, das ganze Gesicht muss die Solidarität mit den „Jungs“ ausstrahlen.
Doch ist die Gesichtsbehaarung des männlichen Geschlechts nicht irgendeine Lappalie. So hat sich die neue Frisur obenrum nicht erst seit einigen Jahren entwickelt, seit es zusammen mit Jutebeutel und Ray-Ban Brille in der Hauptstadt attraktiv geworden ist. In dem Zusammenhang wurde vom letzten männlichen Refugium gesprochen. Wann ist der Mann ein Mann? Nicht einfacheres als das, ein Bart und schon schon sind die Dinge biologisch in Ordnung.
Was mich bei der Werbekampagne aufstößt, ist die Vergesellschaftung des Gesichts. Die Werbung hat erfolgreich die Klassifizierung geschafft: Dabei oder nicht? Da geht es um weit mehr, als dass eine Rasierapperatsfirma am Ende hochwertige Rasierapperate verkauft, damit Stoppeln wieder weg gehen und nackt getrauert werden kann. Die Werbung hat Einzug gefunden, in unser tägliches Leben, unsere Lebensweise, ohne es zu wollen, werden Männer zur Werbefläche. Die Firma hat es geschafft politisch zu werden. Als Mann eines gewissen Alters muss dazu Stellung genommen werden und sei es als morgendlichen Blick in den Spiegel.
Ironisch ist das alle Mal. Die Rasierapperatsfirma kommt aus den Niederlanden, das scheint die „Patrioten“ allerdings nicht zu stören. So haben die Niederländer gewonnen, egal wie es am Ende ausgeht.
Update: mittlerweile gibt es eine neue Interpretation: Pro Homo – Gegen Deutschland